This text was written for the Zinal Congress of the EUY in 2024

Gleich-Sein und Prāṇaśakti. Die fließende Qualität der Lebendigkeit und Einsicht in Samatva

by Osman Yoncaova

„Yoga ist Gleich-Sein – samatvaṁ yoga ucyate“ (Bhagavad Gītā, 2.48)

 

Was hat uns Yoga zu bieten in einer Zeit existentieller Verunsicherungen? “Brahman ist dieses

gesamte All”, stellt die Māṇḍūkya Upaniṣad fest. Durch Yoga bekommen wir Einsicht in die stetig

fliessende Wirklichkeit des Seins, wie sie sich in jedem Augenblick unseres Alltags entfaltet. Mit

einer verfeinerten Aufmerksamkeit kommen wir in Verbindung mit der tieferen Lebendigkeit,

Prāṇaśakti. Wir erleben diese unvergängliche Lebenskraft, die im pulsierenden Leben einer jeden

Zelle zum Ausdruck kommt, in jedem Atom auf diesem Planeten, in diesem bewegten, funkelnden

Kosmos. Eine Kraft, die alle Formen von Werden, Entfaltung und Verwandlung gestaltet, alles

Seiende durchwirkt und bewegt, über alle Zeiten hinweg, durch alle Räume hindurch. „Brahman ist

Atem,“ weiss die Kauṣītaki-Upaniṣad zu berichten. Wenn wir insbesondere durch Prāṇāyāma für

die tieferen, feinen Strömungen des Lebens sensibilisiert werden, erleben wir, wie alles mit allem

verbunden ist. Nach und nach kommen wir der Einsicht näher, dass alles Lebendige im tiefsten

Kern von der gleichen, unerschöpflichen Essenz genährt wird. Diese Erkenntnis schafft eine

stabile Basis, um den existentiellen Herausforderungen konstruktiv, mit Klarheit und Vertrauen zu

begegnen.

 

Die tiefere Wahrheit des organisch, lebendigen Seins zeigt sich, wenn wir ohne Verlangen, Ehrgeiz und Anhaftung, feinfühlig für das, was im Augenblick geschieht, z.B. Āsana praktizieren, wenn wir uns im Prāṇāyāma den subtilen Lebensprozessen zuwenden, wenn wir in der Meditation still werden und uns mit Offenheit dem Lebensstrom anvertrauen. Mit Prāṇāyāma und Meditation den Schleier der Gedankenströme und Konzepte zu lüften (YS 2.52), bringt uns in Verbindung mit der tieferen Lebendigkeit, die alles Geschehen in der „mehr-als-menschlichen Welt“ (D. Abram) durchströmt. In der Klarheit einer von Ich-Turbulenzen befreiten Wahrnehmung wird die Essenz
des Seins offenbart, wie der Grund in einem stillen See, dessen oberflächliche Reflexionen und Trübungen zur Ruhe gekommen sind.

 

Schließlich ist es auch die Verbundenheit mit dem inneren Wesensgrund, mit der innersten Essenz

unserer Bewusstheit (pratyak-cetana, YS 1.29), die uns zu der Erfahrung – nicht bloß zur Zustimmung zu einem intellektuellen Konzept, sondern zur Erfahrung des samatva, des Gleich-

Seins näher bringt. Bhagavad Gītā teilt mit uns die Einsicht: „Yoga ist samatva“ (BhG 1.48). Es ist ein Gleich-Sein nach innen, im Sinne einer inneren Freiheit von Zwängen; ein Gleich-Sein nach außen, im Sinne einer Gelassenheit, einer Freiheit von den eigenen Erwartungen, wie Andere sich

verhalten sollten; und in einem subtileren Sinn, die Gleichheit allen Seins in einer zusammenhängenden Ganzheit zu verstehen und zu erleben. „Jene Person, die in Yoga verbunden ist (yogayuktātmā), sieht sich in allen Wesen selbst (ātman) und in sich selbst alle Wesen. Sie erkennt das Gleiche überall.“ (BhG 6.29)

 

Uns dem Lebensstrom anzuvertrauen bedarf eines Moments des Loslassens. Wer sich erinnert an

das Schwimmenlernen, mag dieses körperliche Gefühl beim ersten Moment der Hingabe kennen:

„Und, diese Fluidität, sie trägt doch… !“ Auch aus anderen Situationen der Hingabe an das

Lebendige kennen wir dieses Körpergefühl, dieses „felt sense“ (E. Gendlin / P. Levine), des

Öffnens. Erst durch diese Hingabe wird ein virtuoser Tanz mit dem Lebendigen möglich – nicht

dadurch, dass wir eine Situation kontrollieren und beherrschen wollen.

 

Genau diese Haltung des Nicht-Tuns macht den Unterschied aus, wenn wir uns mit Prāṇāyāma

der tieferen Erfahrung der Lebendigkeit öffnen wollen. Unter Prāṇāyāma die Kontrolle der Atmung

zu verstehen (prāṇā-yama), führt zu etwas anderem als Prāṇāyāma, als die Weite und

Ausdehnung des Prāṇā zu verstehen (prāṇā-āyāma). Wenn wir in Tuchfühlung mit der innersten,

lebendigen Essenz kommen möchten, kommen wir mit Kontrolle nicht weiter, sondern nur durch

Öffnung und Weitung unserer hingebungsvollen Aufmerksamkeit, durch liebende Zuwendung.

 

Theorien, Konzepte, Worte können uns nur Hinweise geben auf die Wirklichkeit, wie sie ist. Sie

selbst ist „nur durch die eigene, innere, von Freude erfüllte Erfahrung erkennbar.“ (B. Bäumer) Beginnen wir, dem Gehörten mit unvoreingenommener, offener Hingabe zu lauschen, entfaltet sich

in uns eine Verbundenheit mit der Erfahrung, die jemand mit uns teilt. Das Zuhören wird zu einer

Meditation. Dies ist das Wesensmerkmal des Jñāna-Yoga. Allmählich erhellt ein tieferes Verstehen

die Beziehung zwischen dem Hörenden, dem Sprechenden und der Wirklichkeit.

 

Dann widmen wir uns der Praxis des klaren Erlebens – sei es bei unseren Handlungen im

täglichen Leben, sei es im Uterus unserer individuellen Sādhanā-Praxis oder im „sozialen Uterus“

(Beuys) unserer Sangha. Samāhita citta bildet die Grundlage für diese Praxis des klaren Erlebens.

Mit der Atmung steht uns eine feinsinnige Vertraute zur Seite. Folgen wir mit Prāṇāyāma der

Atmung in die Tiefenschichten der Lebensströmung, erfahren wir mehr und mehr etwas über die

Zusammenhänge des Miteinander-Seins auf diesem lebendigen Planeten Erde.

 

Mit dem Praxisworkshop „Gleich-Sein und Prāṇaśakti“ beim EUY Kongress 2024 in Zinal lädt

Osman Yoncaova mit Prāṇāyāma und Meditation zu einer inneren Reise in Begleitung unserer

Atmung ein. Die Reise führt in die Herzkammer unserer Lebendigkeit. „Im Herzen wird der Geist

wissend.“ (YS 3.34) Mit diesem Verstehen, mit dieser Zentriertheit wenden wir uns dann der Welt

zu und geben ihr handelnd unseren Beitrag zum Gedeihen des Lebens.