YOGA UND ETHIK – WIE WOLLEN WIR LEBEN? von Claudia Abel-Lang

BYO Yoga und Ethik 2, 12-15, 2016

Ein sehr zielstrebig wirkender Mann, 40 Jahre alt, kommt in den Einzelunterricht.
Er möchte weiterhin kraftvoll und beweglich bleiben. Vor vielen Jahren hat er
Yoga praktiziert, zuletzt aber Pilates mit Yogaelementen. Jetzt möchte er wieder
anknüpfen an die Erfahrung mit Yoga. Beim Gespräch mit ihm stellt sich heraus,
dass Herr K. sich oft von seinen Gedanken, die meist um die Arbeit kreisen (er
ist im sozial-pflegerischen Bereich tätig) getrieben fühlt, schwer abschalten
kann und mehr bei sich selbst ankommen möchte.Der allgemeinen Check zeigt, dass
Herr K. sehr beweglich ist und mit viel Spannung im Bauch atmet. Es wird eine
Praxis erarbeitet, die ihn durchaus in seiner Fitness fordert und fördert, dann
aber mit einem Ausatem betontenPrānāyāmaendet und anschließend eine
Konzentration auf den Atem folgen lässt.Als wir uns nach ca. drei Wochen wieder
treffen, berichtet mir Herr K. von seinen Erfolgen: Er praktiziert oft zweimal
am Tag und mehr Wiederholungen, als wir bespro-chen hatten. Er fühlt sich
kräftig und vital wie schon lange nicht mehr und auch die Qualität seines Atems
hat sich verbessert.Um die Praxiseinheiten in seinen Alltag zu integrieren,
steht Herr K. bereits um fünf Uhr auf. Nun aber fühlt er sich von seiner
Lebensgefährtin in seinem Fortschritt behin-dert. Sie schätzt ein miteinander
aufwachen und gemeinsames Frühstück, was nun seiner Praxis zum Opfer fällt.Er
erfährt unterschwellig Vorwürfe von seiner Freundin und Gespräche enden immer
öfter in Streitgesprächen.Wohin wollen wir mit und durch unsere Praxis? Welches
Ergebnis wünschen wir uns? Wohin wollen wir uns entwickeln mit und durch Yoga?
Wie entscheide ich mich richtig?ImYoga Sūtra des Patanjali lesen wir von
Zuwendung, Mitgefühl, Mitfreude, Gelassen-heit und Gleichmut. Ist das das Ziel?
Und wie ist das gemeint?1.33 Yoga SūtraMaitrī karunā muditopekṣanām sukhaduḥkha
punyāpunyaviṣayanām bhāvanātaḥ cittaprasādanamJemand kann seinen Geist (citta)
wieder klären und beruhigen (prasādanam) durch das Sich-einfühlen in eine innere
Haltung (die er schon entwickelt hat – bhāvanātah). Diese Haltung ist
gekennzeichnet durch das Gefühl liebevoller Zugewandheit (maitrī), wenn er einem
glücklichen Menschen begegnet (sukha), (oder) durch Mitgefühl (karunā), wenn er
jemanden sieht, der unglücklich ist (duḥkha). Sie ist gekennzeichnet durch das
Gefühl von unterstützendem sich Mitfreuen (mudita), wenn er sieht, wie jemand
etwas Gutes und Sinnvolles (punya) tut und durch ein Gefühl von Gelassenheit und
Gleichmut (upekṣa) wenn er sieht, wie etwas Ungutes (apunya) geschieht. 1)

Folgen wir dieser Lesart des Yoga Sutra, so verstehen wir diese unbestritten
positiven Gefühle nicht als Vorsatz, nicht als starres Gebot, sondern in Bezug
zu den jeweils ak-tuellen Umständen und den daran beteiligten Menschen. Die
Frage, ob wir allein dadurch ethisch korrekt handeln, indem wir versuchen, den
zu lieben, der in der Asylunterkunft einen anders gläubigen Mitmenschen oder
vielleicht die bemühte Sozialarbeiterin bedroht, stellt sich dann nicht mehr.
Alltagstauglich wäre so ein Vorsatz sowieso nicht. Dafür aber ver-bunden mit
viel Potenzial, mehr Unruhe und Verwirrung in mir zu schaffen.T.K.V. Desikachar
hat das 33. Sutra im er-sten Kapitel des Yoga Sutra stets so gedeutet, dass
diese positiven Gefühle uns „Wegwei-ser“ sein können in Situationen, in denen
wir zweifeln, in denen Unsicherheit in uns auf-steigt, was denn das richtige
Verhalten wäre. Wie wäre es zum Beispiel, wenn ich einen gelungenen Artikel von
einer Kollegin lese und mich mit ihr freue, anstatt zu denken: „Das habe ich
schon immer so gesagt, hätte man mich mal zu Wort kommen lassen…“.Regeln und
Vorsätze sind wenig hilfreich, wenn sie allgemein verstanden werden. Los-gelöst
von einem bestimmten Menschen bzw. einer besonderen Situation als theoretische
Vision im luftleeren Raum stehen. Was bedeu-tet für einen Polizisten, der dem
Amokläufer gegenübersteht, ahimsā?Die ersten beiden aṇga (Glieder) des
acht-gliedrigen Yogaweges von Patanjali beleuchten einen Menschen in seinem
Umgang mit seiner Umgebung und seinen Mitmenschen (Yama) und seinem
Selbstmanagement (Niyama), seiner Lebensordnung.2.30 Yoga Sūtraahiṃsāsatyāsteya
brahmacaryāparigrahāḥ yamāḥahiṃsā: Überlegtes und behutsames Umgehen mit allem,
was lebt, besonders mit Lebewesen, die hilflos sind oder die sich in
Schwierigkeiten befindensatya: Aufrichtige Verständigung durch gespro-chene und
geschriebene Sprache, durch Gesten und Handlungenasteya: Nichtbegehren oder die
Fähigkeit, uns von dem Wunsch nach Dingen, die uns nicht gehören, zu
lösenbrahmacarya: Mäßigung in all unserem Tun aparigrahā: Die Fähigkeit, uns auf
das zu be-schränken, was wir brauchen, und nur das anzunehmen, was uns zusteht
2)Nicht das Erreichen der Yama ist Bedin-gung für das Voranschreiten auf dem
Yogaweg. Vielmehr wird mit den acht Gliedern ein Weg vom Außen nach Innen
beschrieben, vom Groben zum Feinen. „Yoga fängt ein Mensch an, wenn er
ver-standen und akzeptiert hat, dass er Probleme im Leben hat und dafür etwas
tun will. Wo wir Yoga beginnen, (mit welchem Anga) hängt davon ab, wo unser
Bedürfnis, unser Interesse liegt.“ 3)Im Yoga Sūtra finden wir nirgends eine
Anleitung zum „erlernen“ der Yama und Niyama, ganz anders bei Āsana,
Prānāyāmaund Meditation. Hier erhalten wir eine genaue Definition und
Anweisungen, wie zu üben ist und was dem Prānāyāma und Meditationvorauszugehen
hat.Was ist nötig, um mich in einer kritischen Situation, in einem Konflikt
richtig zu ent-scheiden?Wie kann Yoga mir hier helfen?Wenn ich eile, wenn ich
oberflächlich betrachte, wenn ich abgelenkt bin oder etwas in mir besonders
drängt (die kleśa in mir wir-ken), ist es schwer, ein umfassendes Verständ-nis
von einer Situation zu entwickeln.

2.3 Yoga Sūtraavidyāsmitārāgadveṣābhiniveśāḥ kleśāḥasmitā: Selbstbezogenheit,
Irrungrāga: blinde Zuneigung, Gierdveṣa: blinde Abneigung, Vorurteilabhiniveśa:
unbegründete Angstavidyā: Irrung, Verwechslung, Täuschung, fal-sches Verstehen,
falsches Dafürhaltenkleśa: das was einen beschwert, drängt, belästigt, belastet,
störende Kräfte 4)Sind die kleśa aktiv, ist die Wahrschein-lichkeit hoch, dass
ich den „Wegweiser“ gar nicht wahrnehme und meinen eingefahrenen Gewohnheiten
entsprechend handle: selbst-bezogen, ängstlich, gierig, ablehnend, schlicht
unpassend.Viele Male am Tag treffen wir Entschei-dungen, viele davon unbewusst,
doch manch-mal ist uns die Tragweite einer Entscheidung klar und wir erleben uns
in einem inneren Konflikt darüber, wie wir denn nun handeln sollen. Zwar drängt
unser Geist in ein ge-wohntes Handlungsmuster, trotzdem gelingt es uns inne zu
halten. Für diese Situation hat Patanjali im Yoga Sūtra eine besondere
Strate-gie vorgestellt:2.33 Yoga Sūtravitarka bādhane pratipakṣa bhāvanamvitarka:
Zweifel, Fragenbādhana: Betroffenheit, Bedrängnispaksa: Flügelpratipakṣa: der
andere Flügel, die Gegenpositionbhāvana: Verbindung, Ausrichtung 5)Wenn wir uns
durch unmittelbare Reak-tionen in unserem Geist bedrängt fühlen, sollten wir
versuchen, Alternativen zu dem sich aufdrängenden Verhalten zu entwerfen, so
eine mögliche Übertragung dieses Sūtras. 6) Wir sollten versuchen in dieser
konkreten Situation mit größtmöglicher Of-fenheit und Kreativität alternative
Handlungs-möglichkeiten „durchzuspielen“. Schafft es meine regelmäßige
Yogapraxis, meinen Geist zu klären, Unruhe, Ängste, Konzepte als das zu erkennen,
was sie sind, nämlich ein Teil von mir, der immer wieder von neuem erkannt und
richtig eingeordnet gehört, dann gelingt es mir, mich den Anforde-rungen des
Alltags und meinen Mitmenschen immer wieder neu zu öffnen. Übe ich mich in
meiner Praxis darin, Körperbewegung und Atem achtsam zu koordinieren, so
trainiere ich meine Gedanken in ihrer Fähigkeit, sich auszurichten, als wichtige
Voraussetzung für pratipakṣa bhāvana.Damit so ein bhāvana nicht in Konfusion
endet, braucht es einen wachen und klaren Geist, Achtsamkeit und die Fähigkeit
mich, meine Mitmenschen und die aktuelle Situati-on mit etwas Abstand betrachten
zu können, „Fachfrau“ bzw. „Fachmann“ zu sein, für die Ausprägung meiner kleśa (siehe
oben). Da-mit steigt die Wahrscheinlichkeit, rechtzeitig innehalten zu können
und den richtigen Weg einzuschlagen, die passende Handlung auszu-führen. Und das
fühlt sich an! Nicht immer nur gut. Aber aufrichtig, ohne innere Reibung ohne
schlechtes Gewissen.Ethische Regeln und moralische Grund-sätze bieten dann die
Grundlage für einen immer wieder neu geführten inneren und äußeren Dialog. Eine
innerer Auseinanderset-zung, die mein Umfeld, meine Mitmenschen und mich in
Beziehung miteinander erkennt. Also eine gute innere Kommunikation mit mir und
eine von Zuwendung geprägte äuße-re Kommunikation mit meinen Mitmenschen.
Wachsende Achtsamkeit und meine Fähigkeit, mich selbst immer wieder zu
betrachten, unterstützt mich dabei

Yama und Niyama können auch als Gradmesser verstanden werden, für mein
Voranschreiten auf dem Yogaweg. Nicht weil mir eine Meisterin gesagt hat, dass
ich so leben und handeln soll, nicht weil es in einem weisen Buch so geschrieben
steht. Nein, weil sich mein Handeln, dann, wenn es passend und verhältnismäßig
gestaltet ist, gut anfühlt. Ein Gefühl, das in unsicheren und schnel-len
Veränderungen unterworfenen Zeiten Sicherheit und Stabilität zu vermitteln
vermag. Dann wenn es echt ist, nicht aufgesetzt, wenn es aus mir geboren wird,
weil ich etwas gut verstanden habe, weil ich in der Lage war, mich hinzuwenden
und nicht zu verschließen oder wegzuschauen.Auf diese Weise kann Yoga mich
tatsächlich freier und zufriedener machen. Mich besser werden lassen in meiner
Art und Weise mit andern in Kontakt zu treten und zu kommu-nizieren. Herr K. hat
mir nach unserem zweiten Treffen rückgemeldet, dass er für sich eine
Entscheidung getroffen hat. Es ist ihm wichtig auf seine Freundin einzugehen und
Zeit mit ihr zu teilen. Er übt regelmäßig aber nicht mehr so lange, die Praxis
soll ihm dienen, damit er seinen Alltag so leben kann, dass er zufrieden darauf
zurück blicken kann. Das ist möglich und Yoga möchte dabei unterstützen.

Quellenverzeichnis

1) vgl. Imogen Dalmann / Martin Soder, Wer lieben kann ist glücklich in: Imogen
Dalmann / Martin Soder (Hg.), VIVEKA Hefte für Yoga Nr. 29 S. 8

2) Vgl. T.K.V. Desikachar, Über Freiheit und Meditation. Das Yoga Sutra des
Patanjali. Eine Einführung. Übertragung und Kommentar von T.K.V. Desikachar,
Verlag VIA NOVA, Peters-berg 1. Auflage 1997. S. 79

3) Vgl. Imogen Dalmann / Martin Soder, Spi-ritualität und Ethik – ein Gespräch
mit T.K.V. Desikachar in: Imogen Dalmann / Martin So-der (Hg.), VIVEKA Hefte für
Yoga Nr. 3 S. 23

4) Vgl. R. Sriram, Patanjali Yogasutra Arbeits-buch, Eigenverlag, Beerfelden
2003, S. 70

5) Vgl. ebenda S. 85 6) Vgl. Imogen Dalmann / Martin Soder, Alles zu seiner Zeit
in: Imogen Dalmann / Martin Soder (Hg.), VIVEKA Hefte für Yoga Nr. 8 S. 36